Die Schule bei den Schülern lassen

Das neue Schuljahr hat begonnen. Zeit für die Schulpolitik und die Schulträger, sich über Entwicklungen und Tendenzen Gedanken zu machen.
 
Die demographische Entwicklung macht sich in zurückgehenden Schülerzahlen bemerkbar. Darüber hinaus ist eine gewaltige und anhaltende Verlagerung der Schülerströme festzustellen: Immer weniger Schüler besuchen die Hauptschule, während die Schülerzahlen am Gymnasium permanent steigen.

Die „Haupt“schule wird ihrem Namen schon seit langem nicht mehr gerecht, sondern hat sich vielmehr zu einer Restschule entwickelt. Nicht nur ihr Image ist am Boden (sowohl bei Eltern und Schülern als auch in zunehmendem Maße bei Arbeitgebern). In verstärktem Maße konzentrieren sich dort auch die so genannten Risikogruppen (z. B. Schüler aus Familien mit erschwerten Lebenslagen, psycho-sozialen Problemen oder Migrationshintergrund). Immer häufiger werden Hauptschulen den sozialen Brennpunkten zugerechnet.

Alle Versuche, Lösungsansätze zu finden, sind nicht besonders erfolgreich gewesen. Auch die Möglichkeit eines 10. Schuljahres in der Hauptschule mit der Möglichkeit, zur Mittleren Reife zu kommen, hat nur punktuell und zeitweise geholfen. Die Regionale Schule als gemeinschaftliche Schule aus den Angeboten von Haupt- und Realschule wird inzwischen selbst von deutlich sinkenden Schülerzahlen – und das nicht allein wegen sinkender Schülerzahlen - erfasst. Diese anhaltende Entwicklung muss man mit großer Sorge – nicht nur in Rheinland-Pfalz, sondern auch in anderen Bundesländern – beobachten.

Mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen wurde in den letzten Jahren und wird weiterhin versucht, die Situation der Hauptschulen zu verbessern. Diese reichen von Maßnahmen zu Berufsorientierung und Verbesserung der Ausbildungsfähigkeit über die Qualitätsprogramme der Schulen und Sprachfördermaßnahmen bis hin zu organisatorischen Maßnahmen innerhalb der Schule (insbesondere Klassengröße), Schulsozialarbeit und Ganztagsschulprogramm. Im Einzelnen sind zu nennen:

  • Arbeitsweltklassen
  • Lernwerkstätten Berufsorientierung
  • Berufswahlkompass
  • „Job-Füxe“, „Kommunale Jugendscouts“, „Berufsmentorinnen und Berufsmentoren“
  • 29 Module zur Berufsorientierung (z. B. BORIS = Berufliche Orientierung: Regionale Initiativen zur Schulentwicklung)
  • Zusammenarbeit mit der Landesarbeitsgemeinschaft „Schule Wirtschaft“
  • Ganztagsschulprogramm der Landesregierung, an dem seit dem Schuljahr 2002 / 2003 inzwischen 77 Hauptschulen teilnehmen
  • Schulsozialarbeit (mittlerweile an 58 Hauptschulen stattfindend)
  • Reduzierung der durchschnittlichen Klassengröße von 22,5 Schülern im Schuljahr 2000 / 2001 auf 20,9 im Schuljahr 2006 / 2007

Die oben dargestellten Maßnahmen dürften mit dazu beigetragen haben, dass sich die Situation heute nicht noch schlimmer darstellt, als sie schon ist. Auch konnte erreicht werden, dass sich die Quote der Abgänger der Hauptschule ohne Hauptschulabschluss von 11,7 % im Jahr 2002 geringfügig auf 9,7 % im Jahr 2004 abgesenkt hat.

Insgesamt muss aber festgehalten werden, dass die dargestellten Maßnahmen und der tatkräftige und engagierte Einsatz vieler Verantwortlicher vor Ort es nicht geschafft haben, der anhaltenden Erosion der Hauptschule entgegenzuwirken und die drastische Entwicklung umzukehren. Es fehlt also nicht an mannigfaltigen Versuchen und Anläufen, die Situation der Hauptschulen zu verbessern, die Qualität dort zu steigern und den Schülern verbesserte Berufsaussichten zu vermitteln. Indes: Der durchschlagende Erfolg ist ausgeblieben.

Sucht man nach Gründen und Ursachen, um die derzeitige Situation und die anhaltende Entwicklung zu erklären, so rückt neben den allgemeinen gesellschaftlichen Faktoren und Bedingungen (z. B. familiäre Problemlagen, Arbeitslosigkeit, Integrationsprobleme bei ausländischen Familien und Schülern, Berufstätigkeit beider Elternteile, Medienkultur u. v. m.) der Wunsch der Eltern nach einer höheren (und damit vermeintlich besseren) Schule für ihr Kind in den Vordergrund. Ungebrochen ist das (an sich nachvollziehbare) Interesse der Eltern, ihr Kind zu einem möglichst hohen Bildungsabschluss zu führen, um so letztlich die beruflichen Chancen des Kindes zu erhöhen (was nicht unbedingt immer dem Wohl des Kindes entsprechen muss). Das eigene Kind soll in einer möglichst hoch angesiedelten Schule lernen. Das führt gezielt zur Vermeidung der vermeintlich „niedrigsten“ Schulart.

Die genannten sozialen Probleme (insbesondere Gewalt, Kriminalität, Drogen usw.) beschränken sich bekanntermaßen ganz und gar nicht auf die Hauptschulen, sondern betreffen vielmehr auch die anderen Schularten. Bedenklich erscheint indes, dass diese Probleme die Hauptschulen in stärkerem Maße und in deutlich höherer Konzentration erreicht haben als andere Schularten. Auch wenn vielerorts die Hauptschulen weit besser sind als ihr Ruf, ändert dies nichts an dem Negativimage der Hauptschulen, welches viele Eltern davon abhält, ihr Kind dort anzumelden.

Hinzu kommt die weitgehende Maßgeblichkeit des Elternwillens bei der Wahl der Schulart. Das hat mit dazu beigetragen, dass Schulen mit einem „höherwertigen“ Bildungsabschluss bevorzugt werden, und das führt zunehmend auch zu psychologischen Problemen. Viele Schülerinnen und Schüler, die das Niveau an anderen Schulen nicht schaffen, werden nach unten durchgereicht. Bei ihnen bleibt oft das Gefühl, versagt zu haben. Besser würde der „Aufstieg“ vermittelt. Der Erfolg, durch Begabung und Fleiß in eine Realschule oder ein Gymnasium zu kommen, wäre da wesentlich besser.

Grundlegende strukturelle Reformen sind nötig, mit einer bloßen Unterstützung und Verbesserung der Hauptschulen im bestehenden System ist es nicht getan.

Auch die vorliegende Zersplitterung der rheinland-pfälzischen Schullandschaft in allein sieben Schularten im schulischen Mittelbau der Sekundarstufe I erscheint wenig förderlich und lässt eine klare Linie mit festen und durchdachten Strukturen kaum erkennen.
Unter diesen veränderten Rahmenbedingungen erscheint ein Festhalten an dem dreigliedrigen Schulsystem nicht mehr als sachgerecht, (was inzwischen auch die meisten anderen Bundesländer erkannt haben). Vielmehr sprechen die gemachten Erfahrungen dafür, eine demographiefeste zweigliedrige Schulstruktur zu entwickeln, um damit den heutigen Realitäten gerecht zu werden. Zum einen bedarf es einer „Mittelschule“, bestehend aus den (allen) bisherigen weiterführenden Schulen, also den Hauptschulen, den Regionalen Schulen und den Realschulen. Nur das Gymnasium sollte als zweite Säule erhalten bleiben. Ob man bei der „Mittelschule“ vielleicht sogar noch die Möglichkeit des Abiturs einräumen muss, müsste diskutiert werden.

Hierbei geht es nicht darum, längst überholte ideologische Grabenkämpfe vergangener Jahrzehnte neu aufzurollen oder eine „Einheitsschule“ zu schaffen. Vielmehr gilt es einen Kompromiss zu finden, der zum einen die unterschiedlichen Begabungen und Talente der Schüler berücksichtigt und zum anderen gewährleistet, das nicht eine ganze Gruppe von (Haupt-) Schülern ausgegrenzt und sich selbst überlassen wird.

Es muss jedenfalls auch gewährleistet sein, dass ein mittlerer Bildungsabschluss (Sek. I) wohnortnah erreicht werden kann. Die Verbandsgemeinden und die verbandsfreien Gemeinden und Städte sehen es als eine ihrer zentralen Aufgaben der kommunalen Selbstverwaltung an, vor Ort als kommunale Schulträger einen mittleren Schulabschluss anzubieten. Bildung ist als ein Herzstück der kommunalen Selbstverwaltung zu sehen und gehört in die Hände (Trägerschaft) der kommunalen Gebietskörperschaften vor Ort. Diese sehen die Schulversorgung ihrer Schüler als eine zentrale kommunale Angelegenheit.

GStB-Kommentar aus Gemeinde und Stadt 08/2007

Reimer Steenbock
Geschäftsführendes
Vorstandsmitglied des
Gemeinde- und Städtebundes

 

 

Zeitungsstapel (Typical der Rubrik "Info-Dienste")

 

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